Wegelagerei 2.0
Es gibt Tage, an denen man am besten erst gar nicht die Morgenzeitung aufschlaegt, weil einem sonst wieder die imaginaere Hutschnur hochgehen koennte. In diesem Fall war das gar nicht noetig, denn diese Meldung stand sogar auf der Titelseite der gestrigen Ausgabe der Lokalzeitung “Neue Westfaelische“.
Das Thema “GEZ” ist natuerlich schon oft auch auf dieser Seite erwaehnt und diskutiert worden, aber anlaesslich einer solchen, knappen Meldung stellen sie sich einmal mehr, diese Fragen…
Nichts gegen die Programme an sich, aber es geht um’s Prinzip:
Woher nehmen sich der WDR & Co. via GEZ das “Recht”, Wegezoll auf der Datenbahn zu erheben, auch wenn das Angebot nicht genutzt wird? Muessten wir denn dann nicht auch Gebuehren z.B. fuer die Fehmarnsundbruecke bezahlen, “nur weil sie da ist” und wir rein theoretisch jederzeit drueberfahren koennten?
Die Aufgaben der GEZ gehoeren neu definiert. Einen Computer als “neuartiges Rundfunksempfangsgeraet” zu bezeichnen, ist von der Sache her zwar nachvollziehbar, trifft aber nicht das reale Nutzungsverhalten. Zumindest nicht immer. Im Zeitalter der digitalen Verbreitung multimedialer Inhalte ist es auch einfach, den Konsum dieser zu erfassen, zu zaehlen und zu berechnen. Datenschutz hin oder her…
Verschluesselt einfach alles (!) und gebt den Leuten eine “Speisekarte”, aus der sie sich ihre Wunschprogramme zusammensuchen koennen. Daraus wird dann eine jeweilige Nutzungs(!)gebuehr berechnet, die dann am Ende des Monats zu entrichten ist.
Wer eine Fernsehflatrate haben und sich die Augen wundgucken moechte… bitteschoen!
Viele werden jetzt argumentieren, dass Minderheitenprogramme dann nicht mehr realisiert werden koennten, weil keine relevante Zielgruppe bzw. Mehrheit sie bestellt bzw. sehen moechte. Okay, das mag sein. An dieser Stelle koennten die Verantwortlichen aus Politik und Medien z.B. eine Art “Fortbestandspflicht” eines (!) landesweiten, ueberall empfangbaren TV-Programms beschliessen, welches die besagten Inhalte 24/7 bietet und welches dafuer voellig ausreichen wuerde. Das wuerde dem Individuum aber keinen monatlichen, zweistelligen Eurobetrag abverlangen. Ca. 4 Radiosender und 3+x Fernsehsender pro ARD-Sendeanstalt waeren dafuer naemlich kaum noetig…
Der Begriff der “Grundversorgung” ist schon lange ad absurdum gefuehrt. Die Leute suchen sich ihre Inhalte mittlerweile selbst heraus und sie fahren dabei auf der Datenautobahn sehr haeufig an den oeffentlich-rechtlichen Ausfahrten vorbei. Diese Pauschalisierung à la “man koennte ja jederzeit…” ist tiefstes Steinzeitdenken und wird der Gegenwart nicht gerecht.
Warum hatte das PayTV in diesem Land bisher kaum eine Chance? Ganz klar: Weil die Leute immer die GEZ-Gebuehren im Hinterkopf hatten und haben, die monatlich zu den etwaigen (Premiere?-)Gebuehren hinzu kaemen. Somit landet man rein rechnerisch ganz schnell bei ca. 50 Euro im Monat und das ist fuer die allermeisten Haushalte zuviel fuer’s Fernsehen…
Die Zukunft liegt auch nicht mehr in der Verbreitung von Vollprogrammen, sondern von in jeder Hinsicht gezielten Einzelproduktionen, die zeitlich- und formatunabhaengig abrufbar sind. Pro7 und andere Sender machen es auf ihren internetten Videoportalen doch jetzt schon eindrucksvoll vor. Daher ist es in Bezug auf die oeffentlich-rechtlichen Anstalten auch nicht gerecht, wenn diese in ihren Onlineaktivitaeten beschnitten werden. Sollen sie im Internet doch machen, was sie wollen, solange dies nicht mit Zwangsgebuehren finanziert werden muss.
Wenn oeffentlich-rechtliche Extra-Online-Angebote dennoch geschaltet werden sollen, dann aber bitte mit (ggf. kostenpflichtiger) Registrierung und Login-Seite, damit der “normale” Internetnutzer, der das nicht bestellt hat, auch nicht dafuer bezahlen muss…
Wie gesagt, nichts gegen den WDR & Co., sie produzieren wirklich gute, sehens- und hoerenswerte Inhalte und sollen dafuer auch entlohnt werden. An dieser Stelle waere ein “Pay Per View”-Verfahren ein guter, weil nachvollziehbarer und gerechter Ansatz…







Ich finde ein Gebührensystem ist immer noch das kleinere Übel als eine völlige Privatisierung des Rundfunks. Gerade im Radio gibt es Qualität eigentlich nur noch von den öffentlich-rechtlichen Sendern (auch wenn sie auch hier zunehmend zugunsten des Mainstreams geopfert wird). Welcher private Hörfunksender bringt denn schon Features oder Hörspiele? Durch ein “Pay-per-View”-Verfahren, wie du es nennst, lässt sich sowas nicht finanzieren.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen Auftrag, den kommerzielle Sender nicht haben. Leider werden immer mehr gesellschaftlich wichtige Formate eingespart, wie radiomultikulti beim RBB oder das Kinderprogramm Domino beim HR, sodass man sich wirklich fragen muss, ob diesem Auftrag noch in ausreichendem Maße nachgekommen wird. Hier gäbe es in der Tat Anlass zur Kritik.
Was ich auch inakzeptabel finde, ist, dass ein Selbständiger für seinen Büro-PC extra zahlen muss.
Ökonomischer und gerechter wäre es, den ö.-r. Rundfunk durch Steuern zu finanzieren, um die immensen GEZ-Verwaltungsgebühren zu sparen, aber das ist leider nicht verfassungskonform.
Es ist übrigens niemand gezwungen Fernsehgebühren zu zahlen, die Abschaffung des Fernsehers schafft nicht nur Platz im Wohnzimmer, sondern schont auch den Geldbeutel. Für Internet-PC und Radio zahlt man nur knapp 6 Euro im Monat, was ich angesichts des reichhaltigen Angebots für nicht viel halte. Ich fürchte bloß, dass die das eines Tages auf das Fernsehgebühr-Niveau anheben. Für Gottschalk und Kerner will ich in der Tat keine Zwangsgebühren zahlen müssen…
>>> Muessten wir denn dann nicht auch Gebuehren z.B. fuer die Fehmarnsundbruecke bezahlen, “nur weil sie da ist” und wir rein theoretisch jederzeit drueberfahren koennten? <<>> Ökonomischer und gerechter wäre es, den ö.-r. Rundfunk durch Steuern zu finanzieren <<< — nein! Man hat bewusst von Steuern Abstand genommen und die Rundfunkgebühren als Finanzierungsweg geschaffen, um dem Staat den (zumindest unmittelbaren) Einfluss auf den Rundfunk zu verwehren. Man kann über GEZ sagen was man will, aber solange öffentlicher Rundfunk in Deutschland gewünscht ist, der nicht vom Rotstift des Finanzministers abhängig sein soll, ist eine GEZ der einzig sinnvolle Weg.
Darüber, dass die GEZ selbst vielleicht reformiert werden müsste, oder über die Höhe der Gebühren oder darüber, ob öffentlicher Rundfunk wirklich Summe X für Star Y oder Sport Z bezahlen muss, lasse ich gerne mit mir reden…
hmpfh — die Größerzeichen haben meinen obigen Kommentar wieder zerhauen. :-(
@Coke: Dafür ergibt’s schöne Muster. ;)
Die Staatsferne des Rundfunks ist eher dadurch begründet, dass der Rundfunk nicht zu Propagandazwecken missbraucht werden kann. In einem Urteil des Bundesverfassungsgericht von 1961 heißt es:
“Das BVerfG sieht den Rundfunk wegen der (damaligen) Frequenzknappheit und dem hohen finanziellen Aufwand als öffentliche Aufgabe an, die von Privaten derzeit nicht zu bewältigen sei. Als Faktor und Medium der Meinungsbildung muss der Rundfunk aber staatsfrei organisiert sein.”
http://wapedia.mobi/de/1._Rundfunk-Urteil
Den “Rotstift des Finanzministers” der jeweiligen Bundesländer würde ich da weitaus weniger fürchten. Ich glaube nicht, dass die Einsparung von RBB radiomultikulti (ein Sender der damals nach den ausländerfeindlichen Anschlägen von Solingen, Mölln und Rostock ins Leben gerufen wurde) und der HR-Kindersendung Domino politisch durchzusetzen wären, denn man muss ja an die nächste Landtagswahl denken. ;-)
Dass die öffentlich-rechtlichen Sender sparen müssen, halte ich nicht unbedingt für tragisch, wenn man bedenkt, wie viele Gelder für fragwürdige Formate und Aktionen verpulvert werden und was für einen aufgeblähten Verwaltungsapparat die Sender haben. Einsparen sollte man zuerst dort, wo es private Alternativen gibt.
P.S.: Das o.g. Zitat ist natürlich nicht wörtlich aus dem Urteil, sondern nur indirekt wiedergegeben.
>Einsparen sollte man zuerst dort, wo es private Alternativen gibt.
Was fuer mein Dafuerhalten beinhaltet, dass nicht quasi blind in mehr oder weniger offensichtliche Kopien diverser Unterhaltungsformate investiert wird, die auf anderen (Privat-)Sendern bereits erfolgreich laufen. Ein erfolgreiches Original einzuholen gelingt nur in den allerseltensten Faellen. Derartige “Versuchssendungen” laufen unter anderem in diversen “dritten” Programmen…