Star Trek XI
Achtung: Der folgende Beitrag enthaelt “Spoiler”. Wer den Film bisher noch nicht gesehen hat, dieses aber noch nachzuholen gedenkt, moege die Lektuere der folgenden Worte bitte verschieben :-)
Zunaechst sollte dieser Beitrag den Titel “Ein grosses Geschenk” tragen, denn das ist dieser Film: Ein grosses Geschenk an diejenigen, die Star Trek lieben, an diejenigen, die es erschaffen und bisher geformt haben und an diejenigen, die schon seit unzaehligen Fernsehfolgen der verschiedenen Serienableger einen Einstieg in das sogenannte Star-Trek-Universum suchen.
Es ist schlichtweg atemberaubend und unglaublich, wie dieser Film diese Gratwanderung hinbekommt, fuer Neuankoemmlinge und fuer “alte Hasen” gleichermassen interessant zu sein, daher ein grosses Lob an J.J. Abrams, den Regisseur des Films. Hier wurde sich die Freiheit genommen, bekannte und sogar legendaere Dinge aus der Star Trek-Saga abzuaendern (die Geschichte sozusagen neu zu schreiben) und es wurde gleichzeitig dem Bisherigen gehoerigen Respekt gezollt, was sich vor allem in der sorgfaeltigen Nuancierung der Hauptcharaktere wiederspiegelt.
Der erste Fernsehkuss zwischen einer Schwarzen und einem Weissen fand demnach nach wie vor zwischen Kirk und Uhura in der Ur-Folge “Platon’s Stiefkinder” aus dem Jahr 1968 statt, innerhalb der hier nun gezeigten Zeitlinie kuessten sich Spock und Uhura – diesmal aber in 16:9 :)
Jetzt wissen wir auch, was aus Admiral (!) Archer’s Beagle wurde, denn er wurde bei einem von Scotty’s fruehen Beam-Experimenten -vorsichtig ausgedrueckt- veraendert. Wir erfahren, wie Captain Christopher Pike (aus dem Ur-Pilotfilm “Der Kaefig” und der daraus resultierenden, spaeteren Doppelfolge “Talos IV-Tabu”) in den Rollstuhl kam und sehen Sulu’s ersten, klaeglichen Startversuch.
Chekov ist ein siebzehnjaehriger Jungspund, den der Bordcomputer aufgrund seines speziellen Akzents zunaechst nicht versteht. Und dann ist da noch – Uhura, gespielt von Zoe Saldana. Gerade in den Nahaufnahmen ihres Gesichts sieht der geneigte Kinobesucher, mit welcher Sorgfalt die Schauspieler ausgesucht worden sind, denn die Aehnlichkeit zum juengeren Original ist absolut gegeben. Ihre weiteren, auch koerperlichen Attribute sprechen natuerlich ebenfalls fuer sich…
Der spaetere Captain Kirk wurde also nicht (wie z.B. in “Star Trek IV – Zurueck in die Gegenwart” erwaehnt) in Iowa geboren, sondern auf einem Raumschiff, waehrend sein Vater sich mutig dem Feind entgegen stellt und letztendlich mit dem Leben dafuer bezahlt. Der Film zeigt den jungen Kirk zunaechst als Sauf- und Raufbold, doch ziemlich schnell schimmert das, was ihn spaeter ausmachen sollte, schon durch. Hier ist allerdings ein Schwachpunkt des Films zu vermerken: Die “Karriere” des Kadetts Kirk, der binnen einer einzigen Mission zum ersten Offizier und letztendlich zum Captain aufsteigt, ist ziemlich unglaubwuerdig, auch wenn sie einer situationsgebundenen Logik nicht entbehrt.
Der junge Spock wirkt sehr authentisch, wenn er auch manchmal zu schielen scheint. Im Film trifft er in einer Szene auf sein aelteres Ich (gespielt vom “Original” Leonard Nimoy). Diese Szene war okay, haette aber durchaus noch etwas tiefer gehen koennen. Zuvor rettet Spock mit einem ziemlich zappeligen Raumvehikel die Enterprise.
Die wiederum rettet die Welt. Mal wieder. Oder erstmalig? Wie auch immer. Zugegeben, die Story ist nicht die ausgefeilteste schlechthin, eigentlich ist sie sogar ziemlich simpel, aber die Umsetzung bestimmt hier den Spass- und Spannungsfaktor. Es knallt und blitzt und generell rappelt es gehoerig im Karton – natuerlich in Dolby Surround…
Ein weiterer, kleiner Schwachpunkt ist (und das ist wohlmoeglich der deutschen Synchronisation anzulasten) Montgomery Scott alias “Scotty”. Die Gesichtszuege der jungen Vorlage sind sehr gut getroffen, hier wirkten seine Dialoge meistenteils aber doch eher aufgesetzt und manchmal sogar richtig “platt”. Zudem ist der “Maschinenraum” (eher eine Maschinenhalle) viel zu gross, als dass man ihn wie in der Urserie als Scotty’s Reich bezeichnen koennte. James Doohan, der originale Mr. Scott, hatte einen schottischen Akzenteinschlag, mit dem im Original immer wieder kokettiert wurde. Dieses Element fehlt zumindest hier in der deutschen Fassung gaenzlich und laesst Scotty etwas farblos erscheinen.
A-pro-pos “farblos”: Wer kommt waehrend einer der ersten, gezeigten Aussenmissionen gleich ums Leben? Natuerlich, der Typ im roten Anzug :) Wie fast immer. Damals….
Es gibt sogar Sequenzen in diesem Film (vornehmlich im ersten Drittel), in denen komplette Dialogsequenzen aus der Ur-Serie so woertlich und passend in den Gesamtkontext eingebaut wurden, dass es den “Wissenden” maechtig amuesiert und den “Unwissenden” zumindest schmunzeln laesst.
Ich koennte jetzt noch stundenlang ueber diesen Film schreiben, moechte aber natuerlich nicht alles kommentieren und somit verraten. Nur soviel noch:
Das Raumschiff Enterprise selbst ist das Symbol fuer die Gratwanderung, die dieser Film bravoroes meistert: Man erkennt sie trotz ihres zeitgemaessen, aeusseren Feinschliffs sofort wieder und freundet sich mit ihr an, wenn auch die Bruecke selbst ein wenig zu hell und unbunt (was nicht “farblos” heissen soll) geraten ist.
Waehrend des ersten Teils des Abspanns blieben alle (!) Kinobesucher sitzen. Eine schoene, flotte, orchestrale Version des Original-Fernsehthemas von Alexander Courage schlug zum einen die Bruecke zur “Zukunft” (bzw. zur nostalgischen Fernsehvergangenheit), die hier im Kontext die alte Ur-Fernsehserie ist und zum anderen liess die Musik und ihre visuelle Umsetzung die Leute nicht los.
Den Schreiber dieser Zeilen eingeschlossen.
Alles in allem: Ein Meisterwerk mit minimalen Schwaechen, dem man jeden Dollar des hohen Budgets anmerkt und welches ein grosses Fortsetzungspotential in sich birgt.







Hallo Norman,
Du schwärmst ja geradezu. :) Ich kann mich dem nicht in allen Punkten anschließen. Man muß bedenken das der Film in einem Paralleluniversum, respektive einer anderen Zeitschleife existiert. Was natürlich nötig war, um neues Publikum und neue Storys zu erschließen. Dabei sind einige Dinge völlig verändert, was aus dieser Logik natürlich passieren muß. Aber gerade Scotty war völlig verändert, wie ich fand und bot nicht den kleinsten Punkt zum Original. OK, im Originalton haben sie ihm den schottischen Dialekt gelassen, aber ansonsten ein vollkommen anderer und mir pers. völlig unsympathischer Charakter.
Aber, und das rechne ich den Machern hoch an, es sind unheimlich viele nette Anspielungen auf die Originalserie, die einem als “alten” Fan das Herz aufgehen lassen. Ganz vorne natürlich die prägnante Serien-Musik im neuen Gewand. Großartig! Oder die Zelebrierung der Enterprise… ach, da geht mir das Herz noch weiter auf. Und ganz vorne steht für mich Carl Urban als Dr.McCoy. Der Mann hat mich damit auf das Positivste überrascht. Das WAR der gute Pille! Oja, Pille. Gott sei Dank haben die Übersetzer diese Kleinigkeit bei Paramount durchgesetzt. Ich möchte mir ihn gar nicht als “Bones” vorstellen, wie das von den Oberen für Deutschland geplant war. :)
Alles in Allem ein unterhaltsamer Film, mit einigem Wiedererkennungswert und Potential für mehr.
Bei diesem Film hatte ich ein Erlebnis im Kino, das mir so noch nicht passiert ist: Das Publikum applaudierte als am Ende die Originalmusik im Abspann zu hören war. Somit würde ich einmal behaupten, daß das Experiment Star Trek 2.0 geglückt ist. Mir hat dieser Film jedenfalls verdammt gut gefallen (was dann auch dazu führte, daß ich ihn mir ein paar Tage später ein zweites Mal angeschaut habe).
Was die Charaktere angeht, so kann ich der allgemeinen Meinung nur zustimmen. Kirks unverschämtes Grinsen bei der Uhura-Anmache in der Bar, Spocks Augenbrauenliften, McCoys mürrisches Gesicht beim Wortgefecht mit Spock … die Schauspieler leisten hier wirklich großartige Arbeit. Lediglich der neue Scotty wirkt irgendwie fehlbesetzt und spielt die Rolle viel zu aufgedreht.
Ebenso mag man über die Darstellung des Pavel Chekov geteilter Meinung sein, der gleich in seiner ersten Szene als Witzfigur dargestellt wurde. Andererseits ist der Humor dieses Films generell eine seiner größten Stärken. Ich denke hierbei besonders an McCoys Medikament-Experimente mit Kirk. :-)
Eine Sache gibt es aber dennoch, die diesen Film gerade bei Hardcore-Trekkern nicht unbedingt zu den beliebtesten machen wird. Wie habe ich es neulich noch so schön in einem Kommentar zum Film gelesen? “Abrams hat Star Trek ermordet.” Natürlich völliger Blödsinn, denn schliesslich ist es ja Nero, der kurz nach seiner Ankunft in der neuen Zeitlinie sofort massgebliche Änderungen am Lauf der Geschichte vornimmt und somit wirklich zum größten Superschurken aller bisherigen Star Trek Filme wird. Was ist schon ein Khan, der Captain Kirk nach dem Leben trachtet oder der Klingonencommander aus Star Trek III, der für den Tod von Kirks Sohn David verantwortlich ist gegen den Romulaner Nero, der mal eben so die Classic Serie, The Next Generation, Deep Space Nine und Voyager komplett ungeschehen macht?
Dieser neue Film fügt sich nicht in das bestehende Star Trek Universum ein, sondern er sprengt alles bisher Gewesene weg und legt den Grundstein für ein neues. Somit rückt ein vielleicht von vielen Fans gewünschter runder Abschiedsfilm mit der Next Generation Crew (denn Star Trek X war dies leider nicht) in unerreichbare Sphären. Ich könnte mir jedenfalls nicht vorstellen, wie dies machbar wäre und ob es überhaupt Sinn ergäbe.
Aber ich glaube, das sind Diskussionen die derzeitig wirklich nur die ganzen harten Fans beschäftigen und eben diese Fans haben es schon vor über 20 Jahren als Gotteslästerung betrachtet, daß Kirk in Star Trek III die Selbsvernichtung der Enterprise aktiviert hat oder dass es in Star Trek IV (so gut wie) keine Enterprise gab. Dieser Film ist der Schritt in die richtige Richtung und es wäre eine große Dummheit, wenn hier eine Fortsetzung ausbliebe.
Ich sah kürzlich ein Interview, in dem der Darsteller des neuen Spock erzählte, daß Leonard Nimoy ihn gewarnt habe: “Du hast keine Ahnung, worauf du dich da eingelassen hast.” Ich würde das als Kompliment auffassen.