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Udo Juergens – Einfach Ich

Nachdem er unlaengst sein Musical “Ich war noch niemals in New York” mit grossem Erfolg hat urauffuehren lassen, landete sein neues Album “Einfach Ich” jetzt auf Anhieb unter den Top10 der deutschen Albumcharts. Das sei Udo Juergens hiermit auch deutlichst gegoennt, zumal er in seiner musikalischen Laufbahn viel zu oft unterschaetzt worden ist. Gerade im Zeitraum von den Spaetsiebzigern bis zur Mitte der neunziger Jahre gab es verdammt viele, sehr gute Alben (Udo `80, Treibjagd, Deinetwegen, Das blaue Album, Traumtaenzer, Hautnah, Ohne Maske…), auf denen sich bis heute wahre Liederperlen verbergen, hinter deren Qualitaet sich viele andere, deutsche Liedermacher und Interpreten zweimal verstecken koennen. Leider hatte die Plattenfirma meistens ein zu sicheres Haendchen beim Herauspicken der seichteren Songs (die zweifelsohne fast immer mit dabei waren) bewiesen, die dann als Singles veroeffentlicht wurden. Das hat Udo wiederum oftmals in die mentale Schlagerecke gedraengt, wo er (von Ausnahmen und den ganz alten 60er-Songs mal abgesehen) eigentlich nicht hingehoert.

“Tanz auf dem Vulkan” heisst die erste Single aus dem neuen Album. Ein bitterboeser Text, verpackt in eine eingaengige Melodie. Udo nennt das ein “satirisches Lied”, denn er meint, dass man schlechte Botschaften zwar beispielsweise in den 80ern noch getragen transportieren konnte (siehe “5 Minuten vor 12″), dass das heutzutage aber doch eher auf die eingaengige Art und Weise geschehen muss, damit die Botschaft eventuell ankommt.

Die Erde gedeiht, seit so vielen Jahr`n
jetzt wird`s aber Zeit, sie in den Graben zu fahr`n.
Wir pluendern sie aus, wir heizen sie ein
das ueberlebt auf Dauer kein Schwein.
(…)
Nur keine Sorgen, Freunde – noch eine Runde auf`s Haus
Nach uns die Sintflut – der Letzte macht die Lichter dann aus.
Was morgen passiert – das geht uns nichts an
Willkommen beim Tanz auf dem Vulkan.

Auf diesem Album erfindet Udo sich deutlichst nicht neu. Im Gegenteil. Viele Harmonien und auch einige Wortschoepfungen meint der fleissige Udo-Juergens-Hoerer schonmal von ihm gehoert zu haben. Das Album ist generell keine grosse Ueberraschung, aber es ist solide und die Vertrautheit, die es ausstrahlt, vermittelt ein angenehmes Gefuehl. Die Stimme ist -logischerweise- etwas anders nuanciert als wie noch in den 70er und 80er Jahren, die Instrumentierung wurde diesmal u.a. durch das “London Musicians` Orchestra” vorgenommen, was sich oftmals in einem angenehmen Bombast niederschlaegt, auch wenn das bei Udo Juergens nicht unbedingt neu ist. Man erinnere sich an Songs wie z.B. “Wort”, die schon vor fast dreissig Jahren zusammen mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen wurden und bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.

Natuerlich gibt es auch wieder typische Liebeslieder (“Letzte Ausfahrt Richtung Liebe”), die aber vom Begriff “Kitsch” meilenweit entfernt sind. “Vernetzt” ist wiederum ein mit Seitenhieben auf die gegenwaertige Medienlandschaft gespicktes Gestaendnis der Unfaehigkeit, saemtlicher moderner Technik Herr zu werden. Dazwischen gibt es Nachdenkliches wie z.B. “Warum Denken traurig macht” und Aufmunterndes wie “Nur die Sieger steh`n im Licht”.

Eine tolle und voellig neuartige Interpretation des Songs “Fehlbilanz” rundet das Album als letztes Vokalstueck darauf ab. Urspruenglich war der Song 1991 auf dem Album “Geradeaus” erschienen und zaehlte damals schon zu den Besten dieses Werkes. Musikalisch ist er jetzt ziemlich stark veraendert worden, aber der Text ist aktueller denn je:

Freiheit ohne Grenzen, abgrundtiefe Graeben – Fehlbilanz!
Volle Einkaufswagen, inhaltsleeres Leben – Fehlbilanz!
Denkende Computer, programmierte Menschen – Fehlbilanz!
Wissen, das uns arm macht, ueberall zu wenig und zu viel…
(…)
Zu viele Zeichen an den Waenden, zu wenig Zeit, um hinzuseh`n.
Zu viel Entsetzen vor dem Abgrund, zu wenig Kraft, hindurchzugeh`n.
(…)
Zu viele Bilder, die nichts zeigen, zu viele Chancen jeden Tag.
Zu viele Lieder, die nichts sagen, und was uns bleibt: ein Fehlbetrag…

Nachdem es in den letzten Jahren irgendwie zuviele Udo-Sampler gab und die letzten zwei-drei Alben zwar auch okay waren, den vorhin schon erwaehnten Vorgaengern aber oftmals nachgestanden haben, ist “Einfach Ich” wieder eine richtig “runde” Udo-Juergens-Platte, die dem geneigten Zuhoerer in Anbetracht des Alters dieses trotzdem irgendwie-immerjungen Entertainers eine gehoerige Portion Respekt abringen muss. Gut gemacht!

Links:
Udo-Juergens-Homepage / “Einfach ich” bei Amazon.de / Artikel bei “Press On”

Update:
Eine fundierte Kritik zum Album gibt es mittlerweile bei Laut.de

KategorienMusik
  1. coke
    28. Februar 2008, 02:13 | #1

    Hi Norman,

    nun endlich hielt ich “Einfach ich” in meinen Händen, voller Spannung, voller Vorfreude nach Deiner Rezension hier, … tja — und dann das: nein, dieses Album ist kein Schritt nach vorne, Udo Jürgens hat sich tatsächlich nicht selbst neu erfunden. Es ist auch nicht wirklich ein Schritt zurück, jedenfalls hat er sich nicht vollständig selbst kopiert. Es ist eigentlich garkein Schritt irgendwohin. Dieses Album ist an Nichtigkeit, an … Leere! nicht zu übertreffen. Ich musste die CD tatsächich ein zweites mal anhören, um mir darüber klar zu werden, dass ich ein Udo-Jürgens-Album gehört habe. Es hätte auch jeder x-beliebige Sonstwer-Träller-Barde sein können. Nach dem ersten mal konnte ich mich nur an einen einzigen der (neuen) Songs erinnern.

    Tanz auf dem Vulkan — gähn. Mehr als “me too” konnte ich da nicht raushören — genauso übrigens wie bei “Völlig vernetzt”. Zeilen wie “Die Felder gespritzt, die Kühe in Trance / Denn sie sind gedopt wie bei der Tour de France” sind unendlich weit weg von mitreißenden Text (und natürlich auch Melodien) eines “Fünf vor 12″, “Atlantis sind wir” oder “Tausend Jahre sind ein Tag”.

    “Nur die Sieger stehen im Licht / D’rum versäum Dein Leben nicht” ist an Banalität kaum zu überbieten.

    Auch “Nur ein Liebeslied” fand ich seltsam spröde — hat mich nicht im geringsten berührt, nicht im Text und erst recht nicht in der Melodie. Vorbeigeflossen, wie ein x-beliebiger Song im Radio; “Letzte Ausfahrt Richtung Liebe” – der Titel, der Text und die Melodie passen zu einer RTL-Doku-Soap. Aber bitte doch nicht zu Udo Jürgens. Und die Versatzstücke, die einen an “Ich war noch niemals in New York” erinnern (sollen?), machen dieses Lied nur noch *noch* unwürdiger.

    “Mit Dir” dann klingt wie “Stärker als wir” klingt wie “Nur ein Liebeslied” klingt wie “Warum denken traurig macht” klingt wie “Einfach ich”. Moment, wieviele Songs sind tatsächlich auf der CD?

    Lustigerweise kommen die zwei Highlights des Albums beide am Ende: “Wo finde ich Dich” und “Fehlbilanz”. “Wo finde ich Dich” ist in meinen Ohren der einzige Song, der eine Geschichte erzählt, die einen (mich!) interessiert. Die Strophe “Das Photo war zerissen und lag am Straßenrand / Erledigt und vergessen, vorloren und verbannt. / Ich hob es auf und hielt es ratlos in der Hand” ließen mich aufhorchen. Aber leider finde ich die Melodie des Refrains völlig misslungen.

    Über “Fehlbilanz” muss man nicht viel sagen, der Song war 1991 gut, ist heute noch gut.

    Tja, bleibt mir das Fazit: Fehlbilanz. Sorry, diese CD wird nicht in meinem Regal verstauben — zum Glück sind (offensichtlich) nicht alle meiner Meinung, so dass ich die Silberscheibe sicher über Hitflip schnell wieder loswerde. Und nein: ich habe mir keine Kopie gemacht; nicht eins der Lieder (nicht mal “Wo finde ich Dich”) befand ich für gut genug, als auf immer ungehörtes MP3 auf meiner Festplatte Platz verschwenden zu dürfen. Schade.

    Viele Grüße,
    – Coke

  2. 28. Februar 2008, 10:53 | #2

    Hey “Coke” :)

    Tja, da sieht man`s mal wieder: Musik ist subjektiv. Fast genau die Dinge, die Du ausfuehrlich als “Fehlbilanzanzeile” explizit hervorgehoben hast, habe ich mit der Feststellung, dass er sich nicht neu erfunden hat, zumindest anteilsmaessig gemeint.

    Fakt ist (fuer mich), dass Udo seine mit gewaltigem Abstand staerksten Alben, wie im Text erwaehnt, in der Zeit von den Spaetsiebzigern bis zu den mittleren Neunzigern gemacht hat. Davor war es oftmals seicht und danach leider auch. Alben wie “Was wichtig ist” waren gut gemeint und hatten nette Highlights, aber auch zuviel Uninteressantes, weil nichts Neues. Damals hatte man wohl noch mehr erwartet. Die zahlreichen Sampler, die es seit den Neunzigern gab, haben ihm meiner Meinung nach auch nicht gut getan, zumal er -subjektiv empfunden- zuviele Neuaufnahmen alter Songs eingespielt hatte.

    Und da kam und kommt dieses “Einfach Ich”-Album zumindest mir eigentlich sehr gelegen, obwohl es in musikalischer Hinsicht nicht neu ist und z.B. die von Dir zitierte “Tour-De-France”-Textzeile auch mir zu banal war, weil sie zu gezwungen wirkt. Man erinnere sich mit Grausen an das auf dem Album “Café Groessenwahn” befindliche Lied “Kurze Unterbrechung”, worin er “Schupp-schupp-di-dupp-bubidummdummdumm-schuppdidupp” singt und welches im krassen Negativ-Kontrast zum gelungenen Titelsong des damaligen Albums stand…

    Das aber gerade solche Elemente mittlerweile einigermassen abgestellt wurden, empfinde ich als sehr angenehm und dementsprechend sehe ich einiges von dem, was Du da netterweise sehr ausfuehrlich zum Besten gibst, nach wie vor nicht so.

    Eine Platte vom Kaliber “Treibjagd”, “Udo 80″, “Ohne Maske” “Silberstreifen” oder “Hautnah” wird er meines Erachtens nach nie wieder machen koennen. Nicht, weil er evtl. zu alt ist, sondern weil diese Werke in sich so homogen waren und so gut in die Zeit passten, dass dieses Zusammenspiel heutzutage nur noch schwerlich zu uebertreffen ist…

    Und daher freue ich mich, dass Udo mit seinem juengsten Werk zumindest wieder etwas akustische “Wohnzimmeratmosphaere” geschaffen hat. Also hier bleibt die CD wo sie ist: Im Regal neben den zahlreichen anderen unter dem Buchstaben “J”, da sie mittlerweile sowieso in die MP3-Jukebox integriert wurde :)

  3. coke
    28. Februar 2008, 11:48 | #3

    So im großen und ganzen kann ich Deinen Ausführungen eigentlich ja weitgehend zustimmen, nur meine endgültige Bewertung von “Einfach ich” ist irgendwie das krasse Gegenteil von Deiner ;-)

    Nunja, wahrscheinlich hast Du recht, dass es kein Album mehr der Art derer aus den 80ern geben wird — aber irgendwie war das meine Erwartung, wieder mal sowas zu hören zu bekommen. Und ich hätte ja garnichts gegen banale Lieder einzuwenden, wenn sie einen denn dann wengistens zum Mitsingen animieren, einen mitziehen, begeistern könnten. Aber auch solch ein Lied ist auf “Einfach ich” einfach nicht zu finden.

    Ja, Musik ist subjektiv.

    Ich freue mich auf die nächste Podparde, nach dieser (meiner!) Enttäuschung um so mehr…

    ;-)
    – Coke

  4. 28. Februar 2008, 11:52 | #4

    Dann freu` Dich auf den kommenden Sonntag, denn dann wird`s die neue Podparade geben. Nach ueber zwei Monaten Pause, dafuer aber gepaart mit einer hoffentlich-netten Ueberraschung. Am heutigen Nachmittag nehmen wir auf… Bis denn…

  5. H. Wustlich
    22. April 2008, 16:31 | #5

    Hallo ! Ich hätte gern den Text zu Tanz auf dem Vulkan . Könntet Ihr mir den zuschicken ? Danke
    H. Wustlich

  6. 22. April 2008, 17:23 | #6

    @Wustlich

    Der Text ist im Internet verfuegbar. Link zu Lyriksafe.com

    Freut Euch des Lebens :)

  1. 23. Dezember 2008, 17:52 | #1
  2. 24. März 2011, 11:43 | #2